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Klassische Musik und Oper von Classissima

Anne-sophie Mutter

Montag 5. Dezember 2016


nmz - KIZ-Nachrichten

2. Dezember

Brecht-Star und Grande Dame des Chansons - Gisela May ist tot

nmz - KIZ-Nachrichten Berlin - Sie war «Mutter Courage» und die «Muddi» im TV-Erfolg «Adelheid und ihre Mörder». Gisela May zeigte sich als Sängerin und Schauspielerin sehr wandlungsfähig. Als ausdrucksstarke Interpretin von Brecht-Weill-Chansons wurde May berühmt. Ihre Soloabende bescherten Gisela May über Jahrzehnte Triumphe - von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala. Heute ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben. Wo May auftrat, wurde sie mit begeistertem Applaus gefeiert. Nicht nur als Sängerin, sondern auch auf der Theaterbühne errang May große Erfolge. Ihre wichtigste Bühnenrolle war Brechts «Mutter Courage». Sie spielte die Figur von 1978 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berliner Ensemble 1992. May galt neben Helene Weigel und Therese Giehse als berühmteste Interpretin der Marketenderin, die im 30-jährigen Krieg für das nackte Überleben alle Menschlichkeit fahren lässt. Weiterlesen

nmz - neue musikzeitung

2. Dezember

Brecht-Star und Grande Dame des Chansons - Gisela May ist tot

Berlin - Sie war «Mutter Courage» und die «Muddi» im TV-Erfolg «Adelheid und ihre Mörder». Gisela May zeigte sich als Sängerin und Schauspielerin sehr wandlungsfähig. Als ausdrucksstarke Interpretin von Brecht-Weill-Chansons wurde May berühmt. Ihre Soloabende bescherten Gisela May über Jahrzehnte Triumphe - von der New Yorker Carnegie Hall bis zur Mailänder Scala. Heute ist sie im Alter von 92 Jahren gestorben. Wo May auftrat, wurde sie mit begeistertem Applaus gefeiert. Nicht nur als Sängerin, sondern auch auf der Theaterbühne errang May große Erfolge. Ihre wichtigste Bühnenrolle war Brechts «Mutter Courage». Sie spielte die Figur von 1978 bis zu ihrem Ausscheiden aus dem Berliner Ensemble 1992. May galt neben Helene Weigel und Therese Giehse als berühmteste Interpretin der Marketenderin, die im 30-jährigen Krieg für das nackte Überleben alle Menschlichkeit fahren lässt. Weiterlesen




Crescendo

22. November

Olivier Cavé – der stille Virtuose - Olivier Cavé

Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé mit der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Dann wurde der Schweizer der Liebling von Maria Tipo und gehört heute zu den feinsinnigsten Pianisten seiner Generation. Ein Treffen in Paris. Die Wege der Liebe sind unergründlich, das gilt auch für jene zwischen Musikern und ihrem Instrument. Mal begegnen sich die Protagonisten auf klassischen Pfaden, mal finden sie über verschlungene Irrwege zueinander, mal spielen verrückte Zufälle eine Rolle, mal wegweisende Begegnungen. Bei Olivier Cavé stand am Beginn seiner Liebe zum Klavier die Hilflosigkeit seiner Eltern. „Ich war ein seltsames Kind“, sagt der Pianist und lacht – zumindest haben ihm das seine Eltern erzählt. Auffallend still, in sich gekehrt und verschlossen sei er gewesen, und seine Eltern suchten nach einem Mittel, um ihn aus sich herauszulocken. Erst probierten sie es mit Sport. Als das nichts half, versuchten sie ihr Glück mit Musik. Das wirkte. Mit vier Jahren fing Olivier Cavé an, Klavier zu spielen, und es dauerte nicht lange, da war es um ihn geschehen. „Ich habe mich verliebt in das Klavier und fortan nicht mehr aufgehört zu spielen“, erzählt Cavé, dem das Spielen von Anfang an auffallend leichtfiel. „Es war sehr einfach für mich“, sagt der Künstler mit dem konzentrierten Blick und hebt fast entschuldigend seine beiden Hände. Bis heute sei das so. Geht es jedoch um die für ihn gültige Interpretation, wird aus dem spielerisch agierenden Techniker ein akribischer Perfektionist, der monatelang an den Phrasen feilt und die Stücke bis in den letzten Ton durchdringen will: „Ich habe eine sehr klare Idee von einem Stück, davon, wie es im Endeffekt klingen soll. Daran tüftle ich bis zuletzt.“ An einem lauen Herbsttag Ende Oktober sitzt Olivier Cavé in der Lobby des Hotel Le Bristol in Paris, bestellt ein Omelett und nippt am Kaffee. Es ist noch früh am Morgen, vor den Schwingtüren des Hotels schwirrt bereits das Leben der Großstadt, im Inneren eilen flüsternd die Kellner herbei, und der Tee wird in geblümten Porzellankännchen serviert. Am Vorabend hat der Schweizer Pianist neapolitanischer Herkunft ein Konzert im Salle Gaveau gegeben. Auf dem Programm stand Mozart pur, darunter seine Klavierkonzerte Nr. 25 und Nr. 5, dargeboten von Cavé und dem Divertissement unter der Leitung von Rinaldo Alessandrini, außerdem die Jupitersinfonie und Auszüge aus der Serenade Nr. 99 KV 320 „Posthorn“. Für den schmalen Mann Ende 30 war es sein zweites Konzert in Frankreich, bislang ist er vor allem in den USA unterwegs, außerdem konzertiert er regelmäßig in der Schweiz, wo er 1977 auf die Welt gekommen ist. Doch es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis er auch die anderen europäischen Bühnen bespielen wird. Ebenso klar scheint: Olivier Cavé wird dies nicht mit pathetischem Gestus, mit voranpreschendem Stargebaren und tosendem Virtuosentum tun, viel eher wird er die Podien mit leisen Schritten erobern, mit feiner Poesie, reflektiert und ehrlich. Olivier Cavé ist kein Sturm-und-Drang-Typ, kein ungestüm emotionaler Spieler, der sich in die Tasten stürzt, als vergäße er die Welt um sich herum. Cavé ist ein kritischer Denker und feinsinniger Maler, der die Farben mit zarten Pinseln tupft, bestimmt und wohlüberlegt die Linien zieht und Klanggemälde von ausgewogener Ästhetik und wohl dosierter Farbigkeit entstehen lässt. Erlebt man Cavé mit Mozart, etwa beim Konzert im Salle Gaveau oder auf seinem jüngsten Album mit eben jenen Werken in gleicher Besetzung, so ist es, als würde man einem eindringlichen Erzähler bei der Arbeit lauschen. „Die ganze Musik von Mozart ist Oper. Das alles ist Theater … mit Humor, mit Tragödie, mit unterschiedlichen Figuren und Szenerien. Wenn ich diese Musik spiele, dann fühle ich mich durch und durch gut“, sagt Cavé und strahlt. Für den Pianisten, der sich insbesondere dem barocken und dem klassischen Repertoire verschrieben hat, steht Mozart am jüngsten Ende einer Reihe bemerkenswerter Einspielungen, die einen intensiven Eindruck vermitteln von seinem musikalischen Selbstverständnis. Auf seiner Debüt-CD widmete er sich Sonaten von Domenico Scarlatti, dann folgten ein viel beachtetes Album mit Werken von Muzio Clementi und eine Bach-CD mit dem Titel „Nel Gusto Italiano – Concerti, Capriccio ed Aria“. Sein erstes Konzert gab Olivier Cavé im September 1991, begleitet von der Camerata Lysy unter der Leitung von Yehudi Menuhin. Für den gerade mal 13-jährigen Cavé war das eine Schlüsselerfahrung. „Das gemeinsame Musizieren mit Yehudi Menuhin war unglaublich. Als Kind war mir gar nicht so sehr bewusst, mit wem ich hier auf der Bühne stehe. Ich habe es damals einfach nur genossen. Erst später wurde mir klar, was für ein Geschenk das war.“ Die Begegnung mit Menuhin hat Cavés weiteres Leben geprägt, auch deshalb, weil der erfahrene Künstler Cavés Eltern eindringlich ans Herz legte, ihren Sohn weiter zu fördern. Für Olivier Cavé selbst war ab diesem Augenblick klar, dass er Pianist werden wollte. Geahnt hatte er seine Berufung schon früher. Als er acht Jahre alt war, das Klavier war längst ein vertrauter Freund und Lebensbegleiter geworden, da schenkten ihm seine Eltern eine CD der Pianistin Maria Tipo. Die italienische Künstlerin spielte darauf Werke von Scarlatti, und wenn sich Olivier Cavé recht erinnert, hat er sie an die 2.000 Mal angehört. „Ich habe diese CD geliebt“, erzählt Cavé, und blickt er heute auf die Passion seiner Kindertage zurück, so war sie der Anfang all dessen, was ihn auch heute noch beseelt und beglückt: „Diese Musik ist so voller Freude – das ist ein einziger Genuss.“ Olivier Cavé war schon bald klar, dass er bei Maria Tipo studieren wollte. „Ich war vollkommen darauf fixiert gewesen, diese Künstlerin kennenzulernen“, sagt Cavé, und es gehört zu den glücklichen Fügungen seines Lebens, dass er tatsächlich ganze zehn Jahre in der musikalischen Obhut von Tipo an seinem Klavierspiel feilen konnte. Nach Studien am Konservatorium Sitten und am Konservatorium Lausanne begann er, an der Musikschule von Fiesole schließlich mit Maria Tipo zu arbeiten. Sie hat ihm ein breites Spektrum an Werken nähergebracht und in ihm darüber hinaus die Liebe zu jenem Repertoire gestärkt, das ihn bis heute am innigsten begleitet. Scarlatti, Clementi, Bach … all jene Komponisten, die für Olivier Cavé heute zu seinen engsten Begleitern zählen, hat er mit Maria Tipo erst wirklich kennen- und lieben gelernt. Gleichwohl: Auserwählter Zögling von Tipo zu sein, bedeutete, die Zuwendung, aber auch den Druck einer musikalischen Übermutter zu genießen. „Es war wahnsinnig hart, mit Tipo zu arbeiten“, erzählt Cavé im Rückblick, und was sie von ihren Studenten forderte, sei enorm gewesen. Während er in der Schweiz noch sechs Monate Zeit gehabt hatte für die Erarbeitung einer Beethoven-Sonate, standen bei Tipo bisweilen gleich vier Sonaten in nur einem Monat auf dem Programm. Ein forderndes Pensum, vorangetrieben von einer Frau mit eisernem Willen und enormer Präsenz. „Maria Tipo ist eine sehr, sehr starke Person“, sagt Cavé und unterstreicht mit seinen Händen jedes seiner Worte mit Nachdruck. „Sie gibt alles für einen, aber sie verlangt auch alles.“ Bis heute verbindet ihn mit der mittlerweile 84-Jährigen eine enge Beziehung, und spricht er von seiner Zeit als ihr Schüler, so wählt er ohne Zögern den Begriff der „musikalischen Mutter“. Doch wie das manchmal so ist bei Müttern und ihrem Nachwuchs – die Kinder gehen ihren eigenen Weg. Das war auch bei Olivier Cavé der Fall. „Ich bin heute ein anderer Pianist als damals“, sagt er nachdenklich, und würde Maria Tipo ihm heute bei seinem Spiel zuhören, so ist er sich nicht sicher, ob ihr das Ergebnis gefiele. „Ihre Welt ist auch meine“, das stellt Cavé fest. Die gemeinsame Welt, das ist Scarlatti, das ist Bach und das ist auch Mozart. Ihre Zugänge zu diesem klingenden Kosmos allerdings sind mittlerweile sehr verschieden. Während Maria Tipo nach wie vor in einer traditionellen Spielweise verwurzelt ist, hat sich Olivier Cavé daran gemacht, die Musik von allem Antiquierten und Überladenen zu befreien und filigran und agil ihren Wesenskern zu ergründen. Dazu benutzt er kaum Pedal, orientiert sich, obwohl er den modernen Konzertflügel benutzt, am Klangcharakter des historischen Hammerklaviers und zeigt sich als ebenso smarter wie zugewandter Interpret. Spielt Olivier Cavé Mozarts Klavierkonzerte, tritt er weniger als Solist, denn als Kammermusiker auf, der mit dem Orchester in einen lebendigen, vertrauten Dialog tritt. Fern allem wuchtig Massiven lockt er so einen geradezu jungfräulich anmutenden Mozart hervor, der scherzt und tänzelt, der umgarnt und verführt und das Publikum schließlich zu begeisterten Jubelrufen hinreißt. Cavé hat sowohl die Schweizer als auch die italienische Staatsbürgerschaft. Doch spricht er von Scarlatti, von Neapel und den italienischen Märkten, dann wird klar, welcher Nation sein Herz gehört. „Ich lebe zwar in der Schweiz und ein paar Monate im Jahr auch in den USA“, sagt Cavé und nimmt einen Schluck Wasser. „Der Musiker in mir aber ist durch und durch Italiener.“ Dann lacht er herzhaft und eilt zum Ausgang. In wenigen Stunden startet sein Flieger. Es geht nach Italien. Dorothea Walchshäusl OLIVIER CAVÉ LIVE 15.12.2016 Lugo, Italien: Teatro Rossini 15.01.2017 Sierre, Schweiz: Art et Musique Mozart: Piano Concertos k. 415, 175, 503, Olivier Cavé, Divertissement, Rinaldo Alessandrini (Alpha)

Crescendo

22. November

Elīna Garanča: „Alles sehr gut“ - Elīna Garanča

Mit 40 Jahren, zwei Kindern und Engagements an den größten Opern- und Konzerthäusern der Welt steht kaum eine Sängerin besser da als Elīna Garanča. Ein Gespräch über das Leben und ihre Mutter und Lehrerin, die leider im vergangenen Jahr verstarb. crescendo: Frau Garanča, unlängst wurden Sie 40. „Mit 20 regiert der Wille“, sagt Amerikas Gründervater Benjamin Franklin … Elīna Garanča: Das stimmt! „… mit 30 der Verstand …“ EG: … Na ja! „… und mit 40 das Urteilsvermögen.“ EG: (lacht) Hoffentlich! Mit meiner Mutter, die vor einem Jahr starb, sprachen wir viel über den Sinn des Lebens. Ich sagte ihr, ich steuere auf die 40 und bald auch auf die 50 zu, die für eine Sängerin vielleicht nicht mehr so toll sind. Sie sagte nur: Das Beste kommt noch. Irgendwie hatte sie Recht. Ich bin jetzt 20 Jahre auf der Bühne und kann das Leben viel mehr genießen. Früher musste ich mir und den Leuten, die mir vertraut haben, etwas beweisen. Inzwischen bin ich gelassener. Die Kinder sind da, mein Mann, meine Laufbahn. Wir führen ein privilegiertes Leben, der Preis ist allerdings hoch, das Leben ist oft anstrengend. Aber wir sind die Herren unseres Lebens. Etwas philosophischer geht es bei August Strindberg zu: „Wenn man 20 ist, hat man das Welträtsel gelöst; mit 30 fängt man an, darüber nachzudenken, und mit 40 findet man es unlösbar.“ EG: Oh! (lacht) Ja, das liegt daran, dass man als junger Mensch unbedingt manches verändern will, dann aber feststellt, dass es nicht geht. Man muss wohl auch zu akzeptieren lernen, dass bestimmte Dinge auch ohne einen weitergehen, dass man nicht unersetzbar ist. Das begreift man erst später. Ich bin sehr froh mit dem, was ich erreicht habe. Obwohl Ihre Mutter, die Mezzosopranistin und Gesangspädagogin Anita Garanča, zunächst nicht an Ihre Opernkarriere glaubte. „Du hast deine Stimme verraucht“, soll sie zu Ihnen gesagt haben … EG: (lacht) Als sie das sagte, war eine Karriere jedenfalls zu Ende: meine Raucherkarriere. Meine Mutter war besorgt, sie wusste, wie viele Jahre es brauchte, bis man die Stimme im Griff hat. Es sind ja nicht nur der Applaus und das schöne Kleid. Sondern tatsächlich harte Arbeit. Meine Eltern wollten eigentlich, dass ich Kulturattachée werde. Dabei hatte meine Mutter früh darauf geachtet, dass wir mit ihrer Welt zusammenkamen. Von Kindesbeinen an war ich im Theater, mit sechs Jahren bin ich in einem Bühnenmärchen als Prinzessin aufgetreten, später kamen Auftritte in Musicals dazu. Einen Teil Ihrer Kindheit verbrachten Sie auch auf dem Bauernhof Ihrer Großmutter. Dort haben Sie den Kühen auf der Wiese kleine Lieder vorgesungen. Wie war die Reaktion? EG: (lacht) Es heißt ja, Kühe geben bei der Musik von Mozart mehr Milch. Ich weiß nicht, ob sie das bei mir taten, (lacht) obwohl Freundinnen von mir sagen, ich sei „die beste singende Melkerin und die beste melkende Sängerin“. Fakt war: Ich brauchte einfach Publikum, schon als kleines Mädchen. Kühe scheinen Ihr Schicksal zu bestimmen: Mit 17 wollten Sie auch Schauspielerin werden. Bei der Aufnahmeprüfung sollten Sie unter anderem eine Kuh auf der Wiese darstellen. EG: (lacht) Und bin durchgefallen! Ich musste also Sängerin werden. Dass es so hart werden wird, hätte ich nicht gedacht. Ich habe mal ein Konzert mit 39,4 Grad Fieber durchgestanden. Die Menschen sollen wissen, wie sehr dieser Beruf einen auch körperlich in Anspruch nimmt. Technisches Können, Disziplin und Kontrolle sind unabdingbar für die Interpretation. Vieles muss erarbeitet werden; die Stimme darf nicht überstrapaziert werden, denn sie ist mein einziges Kapital. Ein weinender Schauspieler ist nicht immer einer, der das Publikum zum Weinen bringt. Es geht nicht darum, dass die Leute mit mir persönlich mitleiden, sondern mit meiner Figur. Die muss ich spielen und das kann ich nur, wenn ich die Kontrolle über meine eigenen Gefühle habe. Deshalb muss man so viel arbeiten. Ich darf mich auch nicht von Stimmungen hinreißen lassen. Das würde mich früher oder später verbrennen. Dann habe ich irgendwann keine Stimme mehr beziehungsweise kann andere Rollen nicht mehr singen. „Ein bisserl oben, ein bisserl in der Mitte und ein bisserl unten“, beschrieb Christa Ludwig Ihre Stimme. EG: (lacht) Ich bin froh, dass ich nicht ständig mit einer Sopranistin aus der Vergangenheit verglichen werde. Das kann ziemlichen Druck ausüben. Historische Mezzos gibt es kaum. Eine Primadonna wird lediglich auf die zehn größten Partien reduziert und mit der Callas oder Tebaldi verglichen. Wir aber haben ein sehr breites Repertoire, von den Hosenrollen bis hin zum lyrischen französischen Repertoire und den dramatischen Wagner-Partien. Hatte die Stimmfarbe Ihrer Mutter eigentlich Ähnlichkeit mit Ihrer? EG: Am Anfang nur die Sprechstimme. Am Telefon hat man uns oft verwechselt, die Jungs haben sie zu Dates eingeladen und bei mir haben Kollegen der Akademie über die Studenten geschimpft. (lacht) Ich habe dann eine Minute zugehört und gesagt: „Wissen Sie, meine Mutter ist nicht zu Hause.“ Dafür kam meine Mutter an und fragte mich: „Ah, mit dem also triffst du dich!“ (lacht) Irgendwann habe ich das Repertoire gewechselt, sie war ja mehr eine Lied-Interpretin. Nach meinen zwei Geburten hat sich meine Stimme verändert. Ich höre mich ähnlich wie meine Mutter phrasieren. Mein Vater sagt, dass er meine CD mit lettischen Komponisten nicht anhören kann, weil sie ihn zu sehr an meine Mutter erinnert. Mit der Aussage, Sie bekämen nur „Hebammen-Rollen“ in Lettland, packten Sie 1999 einen 40 Kilo schweren Koffer und setzten sich in Riga in den Bus in Richtung Meiningen, wo Sie an der Oper einen Vertrag hatten. Hätte Ihre Mutter unter anderen politischen Umständen in Lettland Karriere machen können? EG: Es war eine andere Generation, die ihr Leben geschlossen hinter dem Eisernen Vorhang führte. Meine Mutter ist zwar viel verreist und wurde bejubelt. Aber sie war kein Wanderer, sie wollte immer wieder nach Hause. Ich bin gerne unterwegs, ich mache mir überall ein Zuhause. Als Künstlerin hätte sie mit ihrer Begabung und ihrer Stimme durchaus Karriere machen können, aber sie war nicht hart genug für dieses Leben, das oft sehr einsam ist. Dazu kam eine Knochentuberkulose, die ihr sämtliche Schleimhäute ruinierte. So musste sie eine Gesangslaufbahn aufgeben. Als Pädagogin aber wurde sie sehr glücklich. Auf Ihren ersten Meininger Honorarscheck waren Sie so stolz, dass Sie ihn eingerahmt in Ihrer Wohnung aufgehängt haben. EG: (lacht) Ach, ich war ein Mädchen vom Lande. Ich konnte kein Deutsch und wusste nicht, was ein Scheck ist, ich habe Deutsch in den Trash-Daily-Talks der 90er von Arabella Kiesbauer und Bärbel Schäfer gelernt. Mich hat erstaunt, wie offen Sie über Gagen reden. Warum machen viele Künstler ein Geheimnis daraus? EG: Alle stehen im Wettbewerb, es geht um Status, jedes Haus hat seine Gagenstruktur. Die Agenten wollen diesen Wettbewerb nicht öffentlich diskutieren. Es sollen kein Neid, keine Begehrlichkeiten geweckt werden oder Diskussionen in der Art, warum bekommt „sie“ mehr, „wir singen doch das gleiche Repertoire“ – „du hast aber vielleicht nicht die gleiche Persönlichkeit“ etc. Meine persönliche Interviewerfahrung: Künstler, die hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen sind, kommen mir direkter und weniger verstellt vor als solche aus dem Westen, die oft politisch korrekt und darauf bedacht sind, nicht das „Falsche“ zu sagen. EG: Ich glaube, das liegt daran, weil wir hier „Ausländer“ sind. Wir leben zwar teilweise hier, kommen aber nicht von hier und haben als „Ausländer“ einen Exoten-Bonus, dürfen eine andere Meinung haben. In unserem Land würden wir anders sprechen. Im Kommunismus musste man ja auch aufpassen … EG: Meine Generation hatte das große Glück, dass sie nicht mehr die Probleme eines Kurt Masur oder Mariss Jansons hatte. Mein Leben konnte ich in der freien Welt aufbauen. In Ihrer Biografie betonen Sie, wie wichtig es für einen Künstler ist, Nein zu sagen. EG: Unbedingt. Das habe ich schon zu Beginn meiner Laufbahn gemacht. Dem sehr mächtigen Opernimpresario der Wiener Staatsoper, Ioan Holender, sagte ich den ersten Vorstellungstermin ab, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Stimme nicht in Topform war. Auch sein Angebot, die Charlotte (Massenet Werther) zu singen, nahm ich zunächst nicht an, weil ich zu dem Zeitpunkt noch Ensemblemitglied in Frankfurt war und Perfektionistin bin. Ich fühlte mich noch nicht so sicher. Die Wiener Staatsoper ist schließlich ein berühmtes Opernhaus. Die Wiener Kritiker und das Publikum sind nicht einfach. Angebote kommen ständig, aber man muss sich darüber im Klaren sein, was man kann, welche Grenzen man hat und wie viel man der eigenen Stimme zumuten kann. Warum fällt es vielen Ihrer Kollegen so schwer, Nein zu sagen? EG: Weil sie nicht die Selbstsicherheit haben, die Stärke, die Reaktion auf eben dieses Nein zu akzeptieren oder zu ertragen. Ich kenne viele, die sich beklagen, ihr Agent treibe sie in eine Richtung, die sie eigentlich nicht wollten. Ich sage meinen Agenten, was ich will und wozu ich mich imstande fühle. Man muss König seines Lebens sein. Viele entscheiden über dein Leben, ohne die Konsequenzen zu bedenken, die eine „falsche“ Rolle für einen Sänger, der stimmlich darauf nicht vorbereitet ist, haben kann. Hat Ihnen dieses offensive Nein je geschadet? EG: Geschadet hat es mir nie. Und wenn, dann habe ich das ja nicht mitbekommen. (lacht) Vielleicht hat mancher über mich gelästert, meine Karriere hat dies nicht beeinflusst. Ich hatte kritische Eltern, die mir beibrachten, selbstkritisch zu sein. Von 50 Aufführungen sind nur wenige wirklich gut. In Paris werden Sie bald erstmals die Santuzza aus Mascagnis Cavalleria rusticana singen. Eine Kostprobe geben Sie auf Ihrer neuen CD „Revive“. EG: Ich bin jetzt 40 geworden, meine Mutter ist gerade verstorben. Ich kann diese Verismo-Partie und andere dramatische Partien wesentlich freier angehen. Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich vermisse ich meine Mutter täglich, würde ihr so viel erzählen, aber sie war eine sehr starke Persönlichkeit. Ihre Kritik war für meinen Werdegang als Sängerin sehr wichtig, hat mich aber auch eingeschränkt. „Die ersten 40 Jahre unseres Lebens liefern den Text“, schreibt Arthur Schopenhauer, „die folgenden 30 den Kommentar dazu“. EG: (lacht laut) Dann wird es noch einige Interviews geben! Teresa Pieschacón Raphael ELĪNA GARANČA LIVE 01.02.2017: Berlin, Philharmonie 03.02.2017: Baden-Baden, Festspielhaus 05.02.2017: München, Gasteig 08.02.2017: Frankfurt, Alte Oper 14.02.2017: Düsseldorf, Tonhalle „Revive“ Elīna Garanča, Orquestra de la Comunitat Valenciana, Roberto Abbado (DG)



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