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Klassische Musik und Oper von Classissima

Anne-sophie Mutter

Sonntag 19. Februar 2017


Crescendo

14. Februar

Zum Tod von Nicolai Gedda

CrescendoAls sein Tod bekannt wurde, war er bereits einen Monat vergangen. Es passte zu diesem diskreten und zurückhaltenden Mann, den viele den Jahrhunderttenor nannten. „Ich sehe aus wie ein ordentlicher Bankbeamter aus Stockholm“, lachte Nikolai Gedda im Gespräch in seinem Haus am Genfer See. „Ich wollte niemals den Star spielen.“ Brauchte er auch nicht. Sein silbrig heller Tenor, der mühelos, mit unbeschwerter Eleganz und Präzision in höchsten Sphären schwebte, ohne je die Grenze vom Sentiment zur Sentimentalität zu überschreiten, ließ ihn strahlen. Wenn nötig in sieben Sprachen, denn Gedda sprach fließend Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Russisch und Tschechisch. Und natürlich Schwedisch. Sie waren das Erbe einer bewegten Kindheit in Leipzig und Stockholm, wo er als uneheliches Kind zunächst ins Waisenhaus und dann in die Obhut einer Tante und eines russischen Stiefvaters kam. Seine leiblichen Eltern meldeten sich erst, als er berühmt war: „Das war bitter. Mein Vater hat geprahlt mit mir. Meine leibliche Mutter soll, wie man mir erzählte, einmal nach einem Konzert hinter die Bühne gegangen sein. Sie hat nichts gefragt, nur ihre Hand ausgestreckt und meine Kleidung berührt. Doch ich bemerkte sie nicht.“ Wichtige Mentoren wurden ihm der legendäre EMI-Produzent Walter Legge und Herbert von Karajan, dem er kritisch gegenüberstand. „Ich habe viel von ihm gelernt. Aber er war kalt, egozentrisch, machthungrig und unpersönlich“, sagte er im Interview. „Alles war seine Show … Wir waren Teil der Maschinerie, hatten Angst vor ihm. Stimmen waren Karajan egal … Er konnte von einer Stimme besessen sein, wollte aber dann, dass man Partien sang, die einem auch schaden konnten. Viele Karrieren hat er dadurch, wenn nicht zerstört, so doch verkürzt.“ Geddas Laufbahn aber nicht. Von Bach über Mozart, Schubert, italienischen Belcanto und französisches Opernfach bis hin zur Wiener Operette reichte sein Repertoire. Singen war wie eine Therapie, räumte er ein. Mit jeder Rolle gelang ihm immer mehr, sich von seiner großen Schüchternheit zu befreien. „Leidenschaft, das können alle“, schrieb Arnold Schönberg. „Aber Innigkeit, die keusche höhere Form der Gefühle, scheint den meisten Menschen versagt zu sein.” Nikolai Gedda nicht. In über 80 Opernproduktionen lebt er weiter. Von Teresa Pieschacón Raphael

Crescendo

7. Februar

Inga Fiolia: „Mich begeistert das Wort, das Klang wird“ - Inga Fiolia

Die junge georgische Pianistin Inga Fiolia verbindet die geplante Klugheit mit der spontanen Interpretation. Die Musikerin, die in Tiflis und Moskau aufgewachsen ist, lebt seit zehn Jahren in Köln. Auf ihrem ersten Solo-Album widmet sie sich der Musik von Mikhail Glinka. crescendo: Frau Fiolia, erinnern Sie sich noch daran, als Sie das erste Mal die Tasten eines Klaviers berührt haben? Inga Fiolia: Seit ich denken kann, gehört das Instrument zu meinem Leben. Das Klavier war für mich immer etwas ganz Selbstverständliches. Ich kann mich daran erinnern, dass ein Musiker zu uns in den Kindergarten kam, um etwas vorzuspielen. Das war in Georgien, ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein und war völlig fasziniert davon, wie er mit Tönen Geschichten erzählen konnte. Mir war klar: Das will ich auch! Also habe ich erst einmal improvisiert. Ich wollte meinen kindlichen Gefühlen wahrscheinlich mit Klängen Ausdruck verleihen und habe wild herumfantasiert. Danach habe ich dann Klavierunterricht von meiner Großmutter bekommen. Am Anfang stand also die Improvisation; welche Rolle spielt sie heute noch für Sie? IF: Die Liebe zur Improvisation ist immer geblieben. Und ich glaube, diese Leidenschaft macht einen Musiker aus. Meine Lehrer haben diese Tugend auch stets gefördert. Ich habe in Moskau bei Prof. Alexey Nasedkin studiert, der der Neuhaus-Schule angehört. Da steht nicht die technische Perfektion im Vordergrund – sie wird vorausgesetzt. Viel wesentlicher ist der musikalische Ausdruck. Mit 16 Jahren kam ich dann nach Köln, um bei Vassily Lobanov zu studieren, der mit Swjatoslaw Richter gespielt hat, einem meiner großen Vorbilder. Lobanov ist auch Komponist und ein bewundernswerter Musiker, der mich sehr inspiriert hat. Letztlich geht es in der Improvisation und in der Interpretation immer darum, eine künstlerische Botschaft zu haben und etwas mit der Musik zu vermitteln. Wir dürfen nicht vergessen: Musik entsteht immer im Moment, in ihr verschmelzen das Geplante und das Intuitive. Alles andere langweilt mich, vor allen Dingen, wenn es nur um die Technik geht. Musiker sind schließlich keine Roboter. Mit welchen Überlegungen nehmen Sie ein Soloprogramm in Angriff? IF: Meistens überlege ich einfach, worauf ich Lust habe. Ich spiele so vieles gerne und will mich auch gar nicht auf ein bestimmtes Repertoire festlegen. Deshalb versuche ich in meinen Programmen, die Stile zu mischen, und spreche auch gern mit dem Publikum, um ihm etwas zu den Werken zu erzählen. Mich begeistert die Musik, die gerade vor mir steht: Bach genauso gerne wie Beethoven oder Chopin. Aber auch Werke von georgischen Komponisten wie Zinzadse, Gabunia, Kantscheli, Maschawariani oder Lagidze. Ich liebe es, neue Sachen zu entdecken. Eigentlich wollte ich damals an der Musikhochschule auch gerne noch eine Aufnahmeprüfung für Jazz-Klavier machen, schließlich ist mein Vater auch Jazz-Musiker. Dazu ist es aber leider nie gekommen. Sie haben auch ein Faible für Liedbegleitung. Was macht für Sie den Reiz aus? IF: Ich liebe Worte. Mittlerweile spreche ich sechs Sprachen. Georgisch ist meine Muttersprache, aber in Moskau bin ich zur Schule gegangen, deshalb ist mir Russisch ebenfalls vertraut. Ansonsten spreche ich Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Aber die Sprache, in der ich mich am liebsten ausdrücke, ist die Musik. In der Liedbegleitung verbinden sich letztlich die Sprache der Worte und die Sprache des Klangs zu einer oft doppeldeutigen Sprache. Da geht es dann um Klangfarben, darum, das gesungene Wort zu illustrieren oder in der Musik das Gegenteil dessen zu behaupten, was der Sänger singt – oder seine Innenwelten darzustellen. Nun erscheint Ihr erstes Album mit Musik von Mikhail Glinka. Warum haben Sie sich ausgerechnet für ihn entschieden? IF: Ich liebe russische Musik und habe mal im Glinka-Museum in Moskau gespielt. Außerdem waren mir seine Opern bekannt. Als ich mir irgendwann eine Aufnahme von seinen Klavier-Variationen anhören wollte, musste ich feststellen, dass es da nichts gab. Also habe ich beschlossen, sie einfach selber aufzunehmen. Es ist schon besonders aufregend, wenn es keine Aufnahmen von einem Werk gibt. Oft orientiert man sich ja unbewusst an dem, was existiert. Ich konnte nun etwas ganz Eigenes schaffen, Neuland betreten. Für mich war es spannend, in den Klavier-Variationen zu sehen, woher Glinka musikalisch kommt und was ihn beeinflusst hat. In dieser Musik sind viele Inspirationen versteckt, auch aus seinen Opern oder aus der Volksmusik. Glinkas Ton-Kosmos ist äußerst abwechslungsreich, und das fordert mich heraus und begeistert mich. Wenn ich einmal anfange, diese Musik zu spielen, kann ich nicht mehr aufhören, sie ist wie ein Rausch. Katherina Knees Termine: 11.02.2017: Köln, Steinway Haus 14.02.2017: Düsseldorf, Steinway Haus 17.02.2017: München, Steinway Haus 01.03.2017: Frankfurt, Steinway Haus 07.03.2017: Daun, Forum 04.04.2017: Herzberg Brandenburg, Schloss Grochwitz 12.05.2017: Zittau, Euroregionales Kulturzentrum St. Johannis Glinka: Complete Piano Works Vol.1 Inga Fiolia (Grand Piano)




Crescendo

7. Februar

Nachruf: Heinrich Schiff - Heinrich Schiff

„Die Saiten schweigen“, titelte der SWR, als ein Tag vor Weihnachten die Nachricht kam, dass der Cellist und Dirigent Heinrich Schiff in einem Wiener Krankenhaus verstorben war. Mit kaum 65 Jahren. Lange war er krank gewesen. Viele wussten davon, doch Schiff, dieser leidenschaftliche, kompromisslose, unersättliche Künstler, der sich nie schonte, wusste es wohl am besten. „Ich verglühe wie eine Zigarre, die man auf beiden Seiten zugleich angezündet hat“, räumte er bereits 2004 ein. Nun ist er gegangen. Unsterblich bleibt seine große Kunst, der unmittelbare Ausdruck, die Intensität, die Emphase seines Spiels. Jede Phrase, etwa von Bach, wusste er elegant zu ziselieren, in Ton zu „meißeln“, präzise in allen Lagen und dynamischen Registern. Die Bogentechnik hatte sich der junge Schiff beim berühmten André Navarra abgeschaut. Seine Einspielung der Bachschen Suiten wurde 1985 zur Referenzaufnahme und für Nikolaus Harnoncourt, einst selbst Cellist, zu einer „der eindrucksvollsten Interpretationen“, die er je gehört hatte. Unvergesslich bleibt Heinrich Schiff auch als Mensch, als Pädagoge. Nicht immer umgänglich. Eher direkt und oft eigenwillig. „Meist rauschte er in seinem Porsche 928 an. Wenn das weiße Coupé mit dem roten Cellokasten unter der Glasabdeckung des Kofferraums gegenüber der Kirche stand, wusste man: Schiff ist da“ (BR). Schüler Daniel Müller-Schott erinnert sich an Zeiten in Schiffs Haus am Attersee. „Er war wahnsinnig großzügig. Wir haben in seiner Küche gekocht und dann wieder geübt. Wir haben Billard gespielt, durften auf seinen Celli spielen. Und sogar sein Auto benutzen.“ Schiffs Selbstironie kam am besten in Interviews heraus. In einem, das wir führten, beschrieb er sich als einen Mann mit viel „zu kurzen Armen“, als „Metzgerstyp mit Wurstfingern“. Den oft unter Cellisten vertretenen Typus des „langgliedrigen, groß gewachsenen, melodiesäuselnden Schönlings“ beneidete er fast ein bisschen. Mit dem Narzissmus, der diesem Typus oft nachgesagt wird, hatte er, der „musikalische Handwerker“ Schiff, allerdings nichts am Hut. „Cellisten sind eher Kitschbrüder als Geiger“, lachte er. „Das liegt daran, dass, wenn sie klein sind und mit dem großen Cello herumlaufen, die alten Tanten so begeistert sind. Da ist ein starkes Verhältnis zum Bewundertwerden.“ Bewundert wurde Schiff, der 1951 in einem Musikerhaushalt in Gmunden geboren wurde, nicht. Dazu lag die Messlatte zu hoch. Seine Mutter Helga Riemann war die Enkelin des berühmten Musikwissenschaftlers Hugo Riemann, sein Vater Pianist. Beide waren auch Lehrer und Komponisten, was Schiff nachhaltig auch in der Wahl seines Repertoires prägte. Mit Enthusiasmus transportierte er die Botschaften der zeitgenössischen Komponisten in die Welt. Packend seine Version des Ersten Cellokonzerts von Schostakowitsch. Henze, Rihm, Otto M. Zykan, Křenek, Lutosławski schrieben Werke für ihn. „Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Musik kann anstrengend bis schmerzhaft sein“, räumte Schiff im Gespräch allerdings ein. Das aber sei der Sinn: „Der Wunsch des Komponisten, die Auseinandersetzung mit dem Publikum zu pflegen. Es ist auch gleichzeitig die Auseinandersetzung mit sich selbst.“ Nur mit Friedrich Gulda, der für ihn ebenfalls ein Cello(!)konzert schrieb, kam es zum Zerwürfnis, weil Schiff es bei den Salzburger Festspielen durch eines von Haydn ersetzt hatte. Doch auch Schiff war nicht selten dünnhäutig. Rasch konnte er sich durch Fotografen oder Huster gestört fühlen. Legendär sein Unmut über ein undichtes, tropfendes Dach in der Kieler Petruskirche – bei einem Konzert in Anwesenheit von Prinz Charles. Seine Liebe galt der Kammermusik, viele CDs zeugen davon, obwohl er der Branche kritisch gegenüberstand: „Viele Menschen verstehen Musik anders und meinen, es sei so eine Art Feierabend-Dekoration, mit der man leben kann. Das liegt nicht an ihrer vermeintlichen Dummheit oder Trägheit, es liegt daran, wie die klassischen Interpreten und deren Mithelfer, Plattenfirmen, Veranstalter, das vermarkten. Wie sie dem Zuhörer suggerieren, es handle sich um ein gesellschaftliches Ereignis. Wie heißt es schön: ,Erleben Sie Meisterwerke der klassischen Musik im historischen Ambiente und genießen Sie nachher aus der Küche des Chefs …‘“. Er schimpfte über das „Crossover- Getue“, wunderte sich, dass Leute, die er sehr schätzte, ihm plötzlich rieten, sein „Image“ zu ändern, damit es „besser laufe“. Dabei lief es gut. Das kulturpessimistische Gezeter und Jammern auf hohem Niveau konterte er mit Statements wie: „Uns Musikern geht es gut. Wir haben keine Not, leiden auch nicht unter Publikumsschwund.“ Und: „Auch negative Rezensionen gehen eher am Publikum vorbei.“ Wie Harnoncourt drängte es Schiff später zum Dirigieren. Unerträgliche Schmerzen in Schultern und Arm zwangen ihn, sein legendäres Stradivari-Cello, die 300 Jahre alte Mara, der sogar Wolf Wondratschek einen Roman widmete, beiseitezulegen. „Wieso schade?“, antwortete er auf mein Bedauern. „Das ist eine Frechheit. Es gibt so viele andere Cellisten, die das gut machen.“ Doch nur einen Heinrich Schiff. Teresa Pieschacón Raphael

ouverture

26. Januar

Paganini: 24 Capricci (Dynamic)

Als Robert Schumann (1810 bis 1856) am Ostersonntag 1830 in Frankfurt das Geigenspiel des berühmten Nicolò Paganini (1782 bis 1840) hörte, war dies ein Erlebnis, das sein Leben änderte: Wenig später schrieb der Jurastudent aus Heidelberg an seine Mutter, dass er nun doch beabsichtige, Musiker zu werden. Er kehrte nach Leipzig zurück, um bei Friedrich Wieck zu studieren. Und auch wenn er sich vom Auftreten des „Teufelsgeigers“ eher abgestoßen fühlte, so verrät doch sein Lebenswerk, dass Schumann sich immer wieder mit der Musik des Virtuosen auseinandergesetzt hat.  Noch in seinen letzten Jahren arbeitete er an einer Klavierbegleitung zu den Violin-Capricen, für seinen Freund Joseph Joachim. Vollendet hat er sie 1855, in der Psychiatrie. Betrachtet man Schumanns Klavierpart, so wird man feststellen, dass sich der Komponist nicht damit begnügte, die Capricen mit Akkorden zu unterfüttern. Schumann tritt in den Dialog mit Paganinis Melodien, die er mitunter ergänzt oder aber weiterführt. So ist Schumanns Musik das Zeugnis seiner sehr persönlichen Begegnung mit dem Geigenvirtuosen, die ihn vom Anbeginn seiner Laufbahn an und bis zu ihrem Ende beschäftigt haben muss.  Auch wenn Clara Schumann dieses Werk ihres Mannes, dass sie nach seinem Tode in seinen Papieren vorgefunden hat, niemals veröffentlichte – kurioserweise wurde es rasch Mode, Paganinis Capricen mit Klavierbeglei- tung zu spielen. Der „nackte“ Klang der Violine war den Romantikern offenbar suspekt; selbst Geiger schufen Klavierversionen. Und das blieb die Norm, bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.  Die junge Geigerin Maristella Patuzzi hat diese Tradition jetzt aufgegriffen, und gemeinsam mit ihren Vater, dem Pianisten Mario Patuzzi, Paganinis 24 Capricen mit der Klavierbegleitung von Robert Schumann eingespielt. So weit, so gut – die Aufnahme ist solide, aber unspektakulär. Stücke, die Geiger üblicherweise als Etüden nutzen, so vorzutragen, dass das auch für den Hörer ein Gewinn ist, das scheint ziemlich schwierig zu sein. 



Crescendo

25. Januar

Vikingur Ólafsson: Nähe schaffen – tot oder lebendig - Vikingur Ólafsson

Schon im Bauch seiner Mutter fühlte sich Vikingur Ólafsson den Klaviertasten nahe. Heute hat der Isländer die perfekte Mischung zwischen spielerischem Freigeist und technischer Finesse gefunden. Die ersten Klavierklänge seines Lebens hörte Vikingur Ólafsson im Bauch seiner Mutter. Damals war die Pianistin im sechsten Monat schwanger und machte an der Berliner Hochschule der Künste ihren Abschluss. Auf dem Programm stand Beethovens Appassionata – eine wohl entscheidende pränatale Prägung für den heute 32-Jährigen. „Ich mag diese Vorstellung: im Bauch meiner Mutter ganz nahe bei den Tasten gewesen zu sein“, sagt der große junge Mann mit der runden Brille, dann wischt er sich die dunkelblonden Haare aus der Stirn und lächelt. Es ist ein Tag Anfang Dezember in Berlin. Seit drei Jahren lebt der Pianist zur Hälfte in der deutschen Hauptstadt, die andere Hälfte des Jahres verbringt er, wenn er nicht gerade zu Konzerten unterwegs ist, in Reykjavík, seiner Heimat. Kurze Zeit nach dem Abschlusskonzert seiner Mutter waren seine Eltern zurück in ihre isländische Heimat gezogen, wo Ólafsson 1984 auf die Welt kam. Die familiären Koordinaten wiesen seinen Weg beinahe unausweichlich in Richtung Musik: die Mutter Klavierlehrerin, der Vater Architekt und Komponist, als Soundtrack seiner Kindheit dazu der musikalische Schatz der Schallplattensammlung seiner Eltern, die isländischen Volkslieder und nicht zuletzt die Spielversuche der Schüler seiner Mutter. Das Klavier stand für Ólafsson von Beginn an im Zentrum seines Lebens – im wahrsten Sinne: Kurz nach seiner Geburt leisteten sich seine Eltern einen Steinway-B-Flügel, der fortan inmitten der kleinen Wohnung der Familie thronte. „Das Klavier war unsere Wohnung, wir haben quasi um das Instrument herumgelebt“, sagt Ólafsson. Schon früh hat er als kleiner Junge die Nähe der Tasten gesucht, und bis heute erzählt seine Mutter, dass er dabei nie laut und rabiat zu Werke ging, sondern schon als Zweijähriger bedächtig und leise einzelne Töne spielte. Auch als er älter wurde, blieb das Klavier für ihn „geliebtes Spielzeug“. Als „Üben“ hat er seine ständige Beschäftigung mit dem Klavier nie empfunden, Drill und Druck waren ihm fern. Mit 18 Jahren ging Ólafsson schließlich zum Studium bei Ronald McDonald an die Juilliard School nach New York und erlebte dort erst einmal einen Schock. „In New York habe ich erkannt, dass ich nicht allein bin. Da waren so viele fantastische Pianisten, und ich habe begonnen, wahnsinnig hart zu arbeiten.“ Sein Spiel vereint heute beides: den Feinschliff und die technische Finesse der New Yorker Zeit ebenso wie den spielerischen Freigeist und die hingebungsvolle Emotionalität seiner isländischen Kindheit und Jugend. Eine prickelnde Mischung, die unmittelbar berührt und die Hörgewohnheiten raffiniert infrage stellt. Im Januar erscheint nun das erste Album von Ólafsson mit Klavieretüden von Philip Glass. Die Begegnung mit dem amerikanischen Meister der Minimal Music war für den Pianisten ein Schlüsselerlebnis, wobei er dessen Musik bereits als Jugendlicher für sich entdeckt hatte. Damals saß er zwischen seinen beiden Schwestern auf dem Autorücksitz, ein Urlaub in der Schweiz, seit Stunden auf der Autobahn. Da legte sein Vater eine CD mit Glass’ Violinkonzert ein, und Ólafsson war sofort fasziniert. „Diese Musik hat eine unglaubliche Wirkung. Sie ist so emotional, so farbenreich, so intensiv und ehrlich.“ Es sollte noch einige Jahre dauern, bis er sich selbst daran machte, Glass zu spielen. Auslöser war kein Geringerer als der Komponist selbst, der Ólafsson einlud, zusammen mit ihm und der Pianistin Maki Namekawa seine Etüden aufzuführen. Eine große Ehre für den jungen Musiker und gleichzeitig ein Novum. „Ich war bisher ja eher gewohnt, mit toten Komponisten zu arbeiten“, sagt Ólafsson und grinst. Vor der ersten Begegnung mit Glass sei er dementsprechend nervös gewesen, doch die Aufregung wich bald der Erkenntnis: „Die Komponisten sind uns Interpreten in ihrem Suchen und Spielen mit der Musik viel ähnlicher, als ich zuerst dachte. Das war eine sehr erfrischende Entdeckung für mich und hat meinen Blick auch auf Komponisten wie Beethoven oder Bach vollkommen verändert.“ Die Folge ist eine zeitlose und offene Sicht auf die Musik, die Ólafsson nicht nur als Pianist, sondern auch als Kurator zeigt. Neben seiner Konzerttätigkeit leitet der Musiker mehrere Festivals, darunter das „Reykjavík Midsummer Music Festival“ und das „Vinterfest“ in Schweden. So wie er dort außergewöhnliche Programme konzipiert und neue Perspektiven wagt, tun sich auch in seinem Spiel oftmals ungeahnte Nuancen und Klangschattierungen auf. Erlebt man die Klavieretüden von Glass in der Interpretation von Ólafsson, besteht nie die Gefahr träger Redundanz. Stattdessen versteht der Pianist die sich wiederholenden Pattern als Form „musikalischer Wiedergeburt“, als immer wieder neu erlebte und klingende Zeit. Derart gespielt, entwickeln die Stücke eine spannungsvoll vibrierende Kraft, die gleich einem Strom nach vorne strebt. „Große Musik vereint die Emotion und den Intellekt“, sagt Vikingur Ólafsson. In seinem Spiel findet beides zusammen und die Achse Berlin-Reykjavík verspricht spannende weitere Entdeckungen. Dorothea Walchshäusl TERMINE 10., 11.2.2017: Hamburg, Elbphilharmonie AKTUELLE CD Philip Glass: „Piano Works“ Vikingur Ólafsson (DG)

Crescendo

25. Januar

Inga Fiolia: „Mich begeistert das Wort, das Klang wird“ - Inga Fiolia

Die junge georgische Pianistin Inga Fiolia verbindet die geplante Klugheit mit der spontanen Interpretation. Die Musikerin, die in Tiflis und Moskau aufgewachsen ist, lebt seit zehn Jahren in Köln. Auf ihrem ersten Solo-Album widmet sie sich der Musik von Mikhail Glinka. crescendo: Frau Fiolia, erinnern Sie sich noch daran, als Sie das erste Mal die Tasten eines Klaviers berührt haben? Inga Fiolia: Seit ich denken kann, gehört das Instrument zu meinem Leben. Das Klavier war für mich immer etwas ganz Selbstverständliches. Ich kann mich daran erinnern, dass ein Musiker zu uns in den Kindergarten kam, um etwas vorzuspielen. Das war in Georgien, ich muss ungefähr drei Jahre alt gewesen sein und war völlig fasziniert davon, wie er mit Tönen Geschichten erzählen konnte. Mir war klar: Das will ich auch! Also habe ich erst einmal improvisiert. Ich wollte meinen kindlichen Gefühlen wahrscheinlich mit Klängen Ausdruck verleihen und habe wild herumfantasiert. Danach habe ich dann Klavierunterricht von meiner Großmutter bekommen. Am Anfang stand also die Improvisation; welche Rolle spielt sie heute noch für Sie? IF: Die Liebe zur Improvisation ist immer geblieben. Und ich glaube, diese Leidenschaft macht einen Musiker aus. Meine Lehrer haben diese Tugend auch stets gefördert. Ich habe in Moskau bei Prof. Alexey Nasedkin studiert, der der Neuhaus-Schule angehört. Da steht nicht die technische Perfektion im Vordergrund – sie wird vorausgesetzt. Viel wesentlicher ist der musikalische Ausdruck. Mit 16 Jahren kam ich dann nach Köln, um bei Vassily Lobanov zu studieren, der mit Swjatoslaw Richter gespielt hat, einem meiner großen Vorbilder. Lobanov ist auch Komponist und ein bewundernswerter Musiker, der mich sehr inspiriert hat. Letztlich geht es in der Improvisation und in der Interpretation immer darum, eine künstlerische Botschaft zu haben und etwas mit der Musik zu vermitteln. Wir dürfen nicht vergessen: Musik entsteht immer im Moment, in ihr verschmelzen das Geplante und das Intuitive. Alles andere langweilt mich, vor allen Dingen, wenn es nur um die Technik geht. Musiker sind schließlich keine Roboter. Mit welchen Überlegungen nehmen Sie ein Soloprogramm in Angriff? IF: Meistens überlege ich einfach, worauf ich Lust habe. Ich spiele so vieles gerne und will mich auch gar nicht auf ein bestimmtes Repertoire festlegen. Deshalb versuche ich in meinen Programmen, die Stile zu mischen, und spreche auch gern mit dem Publikum, um ihm etwas zu den Werken zu erzählen. Mich begeistert die Musik, die gerade vor mir steht: Bach genauso gerne wie Beethoven oder Chopin. Aber auch Werke von georgischen Komponisten wie Zinzadse, Gabunia, Kantscheli, Maschawariani oder Lagidze. Ich liebe es, neue Sachen zu entdecken. Eigentlich wollte ich damals an der Musikhochschule auch gerne noch eine Aufnahmeprüfung für Jazz-Klavier machen, schließlich ist mein Vater auch Jazz-Musiker. Dazu ist es aber leider nie gekommen. Sie haben auch ein Faible für Liedbegleitung. Was macht für Sie den Reiz aus? IF: Ich liebe Worte. Mittlerweile spreche ich sechs Sprachen. Georgisch ist meine Muttersprache, aber in Moskau bin ich zur Schule gegangen, deshalb ist mir Russisch ebenfalls vertraut. Ansonsten spreche ich Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch. Aber die Sprache, in der ich mich am liebsten ausdrücke, ist die Musik. In der Liedbegleitung verbinden sich letztlich die Sprache der Worte und die Sprache des Klangs zu einer oft doppeldeutigen Sprache. Da geht es dann um Klangfarben, darum, das gesungene Wort zu illustrieren oder in der Musik das Gegenteil dessen zu behaupten, was der Sänger singt – oder seine Innenwelten darzustellen. Nun erscheint Ihr erstes Album mit Musik von Mikhail Glinka. Warum haben Sie sich ausgerechnet für ihn entschieden? IF: Ich liebe russische Musik und habe mal im Glinka-Museum in Moskau gespielt. Außerdem waren mir seine Opern bekannt. Als ich mir irgendwann eine Aufnahme von seinen Klavier-Variationen anhören wollte, musste ich feststellen, dass es da nichts gab. Also habe ich beschlossen, sie einfach selber aufzunehmen. Es ist schon besonders aufregend, wenn es keine Aufnahmen von einem Werk gibt. Oft orientiert man sich ja unbewusst an dem, was existiert. Ich konnte nun etwas ganz Eigenes schaffen, Neuland betreten. Für mich war es spannend, in den Klavier-Variationen zu sehen, woher Glinka musikalisch kommt und was ihn beeinflusst hat. In dieser Musik sind viele Inspirationen versteckt, auch aus seinen Opern oder aus der Volksmusik. Glinkas Ton-Kosmos ist äußerst abwechslungsreich, und das fordert mich heraus und begeistert mich. Wenn ich einmal anfange, diese Musik zu spielen, kann ich nicht mehr aufhören, sie ist wie ein Rausch. Katherina Knees Termine: 11.02.2017: Köln, Steinway Haus 14.02.2017: Düsseldorf, Steinway Haus 17.02.2017: München, Steinway Haus 01.03.2017: Frankfurt, Steinway Haus 07.03.2017: Daun, Forum 04.04.2017: Herzberg Brandenburg, Schloss Grochwitz 12.05.2017: Zittau, Euroregionales Kulturzentrum St. Johannis Glinka: Complete Piano Works Vol.1 Inga Fiolia (Grand Piano)

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